[A life with horses]

Warum es gut für das eigene Reiten ist, die Komfortzone zu verlassen

von Jeannette Aretz

Datum: 01.04.2016


a life with horsesAlizée Froment mit Sultan bei uns im Reitkurs – tagsüber gab sie Unterricht, danach zeigte sie uns ihre Pferde in der Arbeit. Lehrgänge wie dieser mit Alizée finden bei uns regelmäßig statt, mehr auf www.alifewithhorses.de.  Foto: Klara Freitag

 

Motivation für das Wochenende  

Heute geht es nicht um feine Gedanken. Sondern um puren Schweiß. Weil der manchmal weitaus hilfreicher ist, als jeder gnädige Gedanke.

 

Uuups! Schweiß und Durchhalteparolen als Motivation fürs Wochenende? 

 

Ja. Weil ich erst letztens wieder gesehen habe, wie gut das tut. Weil es vielleicht genau das Hebelchen ist, das vielen Freizeitreitern fehlt – mich eingeschlossen. 

 

Das kam so: 

Meine Freundin Philippa und ich haben einen Reitkurs mit Alizée Froment organisiert. Das ist die Reiterin, die auf vielen Shows in ganz Europa als Hauptact eingeladen wird, etwa auf der Equitana, und dort auf Halsring Galopp-Pirouetten dreht oder piaffiert. Bekannt wurde sie über's Internet, als sie ein youtube-Video online stellte, das sie mit ihrem Pferd Mistral in Grand-Prix-Lektionen am Halsring zeigte. Damals war sie schon jahrelang die Trainerin der französischen Dressur-Pony-Nationalmannschaft und ritt im Turniersport bis Grand-Prix international. Ich wollte unbedingt wissen, wie ihre Grundlagenarbeit für diese Sachen aussieht. Denn Alizées Pferde gehen selbst am Halsring in einer guten Haltung und über den Rücken. Da fällt nichts auseinander, wie man das so oft sieht, sobald das Kopfstück fehlt. Im Herbst fuhr ich mit dem Team von pferdia tv zu Alizée Froment nach Hause, nach Südfrankreich, und wir filmten ihr Ausbildungssystem. Diesen Film wird es ganz bald zu kaufen geben. Und dort im Süden vereinbarten wir, dass Alizée Froment bei uns in Aachen einen Dressur-Kurs geben wird. 

 

Jetzt im März war es soweit (Fotos davon: HIER). Es war wunderschön, es kamen vom Therapie-Pony über den Arabo-Friesen bis zum S-Dressur-Reitpony ganz viele verschiedene Pferdetypen mit ihren Menschen, und Alizée Froment zeigte, wie sie sich die Basis-Gymnastizierung von Reitpferden vorstellte: Weg vom inneren Zügel, über den Rücken, vors Bein, viel Schenkelweichen. Jedes Pferd im Kurs bewegte sich am Ende seiner Einheit mehr durch den Körper als zuvor. Ich selbst bin allerdings nur ein Mal geritten, weil ich eine Grippe hatte. Eine richtig fiese. Mein Gefühl nach dem Kurs war: Ein System noch besser verstanden zu haben. 

 

Eine Woche später sah ich mein Reitvideo dazu. 

 

Es war alles andere als berauschend. Nicht aufgrund ihres Unterrichts – sondern weil mir selbst viele Basics flöten gegangen sind. Ich habe hier an dieser Stelle schon viel über das Gnädig-mit-sich-selbst-sein geschrieben, und darüber, dass man eben als Amateur so viele Baustellen im Leben hat, dass man kaum von sich verlangen kann, auch noch im Reiten exzellent zu sein.

Tatsächlich jedoch habe ich nach diesem Video länger überlegt, ob ich das Pferd in Rente schicke. Ob das mit dem Reiten überhaupt noch Sinn macht. Ich habe einen Trainerschein, ich schreibe stets über die besten Reiter, die wir in Deutschland und Europa haben. Ich weiß schon, wie es aussehen müsste – und um so bitterer ist es, zu sehen, wie weit das theoretische Wissen vom praktischen Können divergiert. Ich überlegte also, was ich tun müsste, um besser zu werden. Schon zuvor stand fest: der nächste Kurs ist zwei Wochen später, wieder mit Alizée, dieses Mal in Belgien. Sollte ich das absagen? Den Platz jemandem geben, der es besser konnte, und diesen Top-Unterricht auch besser umsetzen konnte?

Nein, entschied ich, ich werde nicht kneifen. Ich habe mich vor dem Kurs mit meiner eigenen Unfähigkeit ausgesöhnt. Gedacht: Du kannst es eben nur so. Du versuchst einfach so viel wie möglich umzusetzen. Mache, was möglich ist. 

 

Tja, und dann kam die Überraschung. Ich ächtze, ich schwitzte, ich war rot im Gesicht, ich schnaufte. Dennoch sollten wir immer wieder im Schenkelweichen durch die Bahn, im Schritt, im Trab, im Galopp, zwischendurch Schultervor, immer wieder auf 10-Meter-Volten, daraus hinaus in den Mitteltrab, Mittelgalopp, und wieder zurücknehmen. Ich merkte, das ist nicht toll, was Du da reiterlich hinlegst – und strich den Gedanken sofort wieder. Weil: machen statt denken.

Nach den ersten 20 Minuten Unterricht saß ich strahlend auf dem Pferd. Ächzend, schwitzend, aber strahlend! Zuhause hätte ich längst aufgehört, hätte gedacht: frag dieses oder jenes noch einmal ab, und wenn sie das ordentlich macht, hörst Du auf. Weil: Du blockierst ja das Pferd, das arme, und so reitest Du Dir nur Fehler selbst heran. Stattdessen spürte ich auf einmal, wie mein Pferd herantrat.

Es tat sich etwas. Je mehr ich durchhielt ohne zu zaudern, desto mehr klappte. Ganz langsam, aber so, dass ich es spüren konnte. Letztlich sind wir an diesem Tag bei Lektionen angekommen, die für mich vor Jahren selbstverständlich waren, und die es heute nicht mehr sind.

 

Abends schon sah ich das Reitvideo dazu. Oh Wunder, damit konnte ich ganz gut leben! Es gab immer noch etliche Fehler, aber war um Welten besser als das erste. 

 

Was ich daraus gelernt habe? Weitermachen. Ich glaube, als Freizeitreiter, der oft alleine vor sich hinreitet, geht man oft nicht weit genug. Oh, ich störe das Pferd? Sein lassen. Oh, ich sitze falsch, das kann Pferdchen ja gar nicht besser machen? Dann lieber wegstellen. Er ist heute nicht so frisch! Dann lieber nur ein bisschen was tun.

 

Falsch.  

 

Das sind alles Gedanken pro-Pferd, die aber vielleicht gar nicht so pro-Pferd sind, wie ihre Intention. Denn klar gewinnt mein Pferd, wenn es gut gymnastiziert wird. 

Genau dafür muss ich als Reiter manchmal einfach eine Schippe drauf legen.

 

*************

Am Wochenende gibt's im pferdiathek-Magazin immer einen Artikel aus dem Blog www.alifewithhorses.de. Zur Einstimmung ins Wochenende spreche ich, Jeannette, hier oft über Motivation & Gedanken zum Reiten und erzähle, was ich so mache, wenn ich gerade nicht am Laptop sitze und über berühmte Pferde und Menschen schreibe.

Ein entspanntes, wunderbares Wochenende wünscht das gesamte pferdia tv-Team! Tipp: Unsere Filme schauen sich besonders gut auf dem Sofa, mit einer Decke um die Beine und viel Muße am Wochenende. Haben wir mehrfach getestet und für hervorragend befunden!

 

Besser Reiten, FN-Verlag


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