[Persönlichkeit]

Buch: Wolfgang Marlies „Pferde wie von Zauberhand bewegt"

von Jeannette Aretz

Datum: 23.03.2016


pferdia tv Wolfgang MarlieMit Anglo-Araber Karim. Wenn dir ein Pferd seinen Kopf anvertraut, zulässt, das du ihn festhältst und in alle Richtungen bewegen kannst, vertraut es dir sein Leben an, schreibt Wolfgang Marlie zu diesem Bild. 

 

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Wolfgang Marlie erzählt in seiner Autobiografie, wie er zum Pferdemenschen wurde. Ein spannend geschriebenes Lesebuch mit mutigen Erkenntnissen, dass von seinen Erzählungen von Menschen und Pferden lebt.* 

„Gute Laune wirkt ansteckend – auch auf Pferde“ das ist eine Essenz aus den Überlegungen und Unternehmungen des Pferdemannes Wolgang Marlie. Ihm geht es vor allem um die Einstellung dem Pferd gegenüber. Um gelebte Fairness. Er beschäftigt sich sein Leben lang mit Pferden, machte sich schon früh durch die ganze Bundesrepublik Deutschlands auf, um bei Heinrich Boldt, dem Vater des späteren Dressur-Nationaltrainers Harry Boldt, bei von Neindorff und bei Paul Stecken zu lernen. Daheim ist er in Scharbeutz an der Küste in Norddeutschland, dort führt er mit seiner Familie einen Pferdebetrieb für Urlauber. 

 In seinem ersten Buch lässt er den Leser teilhaben an seiner reiterlichen Entwicklung. Er notiert Merksätze, die ihm bis heute in den Ohren nachhallen, „Lektionen sind Mittel zum Zweck, aber nicht zum Selbstzweck“ etwa. Diesen Satz knallte ihm Heinrich Bold an den Kopf knallte, als er lehrbuchmäßig als junger Mann ein Pferd löste. Ganz nach System, aber ohne nachzudenken, was dieses Pferd in diesem Moment wohl brauchte. Die Aussage von Willi Schultheis, ebenfalls einer Koryphäe unter den Dressurreitern, dass „keine Longierpeitsche der Welt den Schwungverlust, der durch die Ausbinder entstünde, ausgleichen könne“ war für ihn ein unglaublicher Tabubruch, der ihn zu eigenen Versuchen der anderen Pferdeausbildung anstiftete.

 

Opferdia tv Wolfgang MarlieVon Zauberhand bewegen - das soll ein Motto sein, das mitschwingt bei dem Umgang mit dem Pferd.
pferdia tv Dieses Pferd zeigte ihm, dass für ihn "Pferde fein ausbilden und dann verkaufen" keine Option ist: Chohinoor.

  

Wolfgang Marlie war und ist ein Beobachter, der hinterfragt – und dann handelt! Ein Beispiel: Er beschreibt sein Hadern mit dem, was er als junger Mann in der Reitlehrer-Ausbildung bei Paul Stecken lernte, und was er dann auf Turnierplätzen sah:

 

„Nach meinem von Stecken gelerntem Verständnis, ist das Genick immer der höchste Punkt und das Pferd geht mit der Nase idealerweise leicht vor oder maximal an der Senkrechten. Auch die Zeichnungen, die in Warendorf im Theorieunterricht eingesetzt wurden, zeigten es in dieser Position. Aber wenn ich dort den Klassenraum verließ und in der Reithalle den Kaderreitern zuguckte, gingen deren Pferde größtenteils dahinter. Und als ich in Aachen das CHIO-Turnier besuchte, gewannen dort Südamerikaner, deren Pferde wie die Hirsche den Springplatz betraten und in Außenstellung um die Kurve gingen: Kopf hoch, Blick an den Horizont... Was davon ist denn nun richtig, was ist falsch und wer entscheidet das?“

 

So beschreibt er es in seiner Biografie, und diese Episoden, so aktuell sie erscheinen, spielen in den 1970er Jahren! Marlies heutige Antwort auf die Frage, oft gestellt von seinen Schülern, was denn nun richtig sei, ist ein „Es kommt darauf an“. Marlie experimentierte damals: er hatte eine Phase, in denen seine Schüler den Zügel kaum nutzen durften, in der er das zügelunabhängige Reiten bis ins Extreme testete. Er zog das durch, auch wenn er Reitgäste verlor und sich Schüler sogar bei der FN beschwerten. Letztliches Ziel war stets die englische Reitweise, doch der Weg dorthin ist für Wolfgang Marlie vielschichtig. Schwierige Pferde brachten ihn dazu, Bodenarbeit zu machen, lange bevor das üblich war. Er erzählt, wie er eine Ponyreiterin und ihre Stute Veilchen coachte. Veilchen war ein Durchgängerpony, als Wolfgang Marlie begann mit ihr zu arbeiten. Er brauchte die beiden bis zu den Deutschen Meisterschaften.

 

 pferdia tv Mit Nachwuchsreitlehrerin Sarah.

 

pferdia tv Mit seinen Schülern und Mitarbeitern.

Was dieses Buch groß macht, menschlich groß, ist, wie sehr Wolfgang Marlie sich selbst ständig hinterfragt und daran teilhaben lässt. Diese lange Suche nach dem richtigen Weg für Reiter und Pferd war getrieben von Neugier, großer Liebe zum Pferd und immer wieder von Momenten des Zweifelns. An sich. An dem, was er tut. Das zuzugeben, und nicht etwa zu überspielen, zeugt von wahrer Größe.  Das Zweifeln hat ihn ermutigt, immer weiter zu suchen, immer weiter zu machen und sich nicht schnell zufrieden zu geben. „Von Pferden, die mich an den Rand des Wahnsinns brachten, habe ich am meisten profitiert“, so beschreibt er es.

An den Rand des Wahnsinns bedeutet zum Beispiel: Ein Pferd, das sich in Panik unter dem Reiter hinschmiss, mit allen Mitteln der Kunst und in monatelanger Arbeit zum Vertrauen zu überreden – und doch feststellen zu müssen, dass es Schreckmomente im Wald geben kann, die dieses Pferd zu einer tickenden Zeitbombe machen. Er hat den Besitzern geraten, das Pferd komplett als Reitpferd zu streichen – und es als Haustier anzusehen. Diese ließen sich darauf ein. Und Wolfgang Marlie arbeitete den Wallach nur noch vom Boden aus (in einer Zeit, in der Bodenarbeit nicht üblich war). Jahrelang. Bis er feststellte, dass es diese Zeit brauchte, um das Vertrauensverhältnis zu festigen. Und er doch wieder in den Sattel stieg, das Pferd letztlich bis zur Piaffe förderte und auch so ausbildete, dass es für seine durch Krankheit eingeschränkte Reiterin ein verlässlicher Partner in der Reitbahn wurde. Das ist eine Geschichte von vielen in diesem Buch. Es gibt noch so viele mehr, und alle sind sie besonders: Wolfgang Marlies Zusammenarbeit mit der erfolgreichen Para-Dressurreiterin Bettina Eistel, die Erzählungen von Schülern mit besonders viel Angst, oder von Pferden, die extrem aggressiv auf Menschen reagierten. Es ist eine Aufzeichnung davon, wie er zu einem kompetenten, weisen Pferdemann wurde. 

 

Zuletzt noch eine Warnung: Dieses Buch kann man kaum mehr aus der Hand legen. 

 

Denn diese Biografie ist beeindruckend – aus mehreren Gründen. Wolfgang Marlies Werdegang ist ein Abbild von dem, wie sich Reitsport und die Pferdeszene entwickelt hat. Angefangen bei seiner Kindheit im Nachkriegsdeutschland, wo die Familie begann, Urlaub mit Pferden zu verkaufen, und die eigenen Matratzen auch mal in den Schuppen legte, damit die Urlauber alle im Haus unterkamen. Dann der Aufbau der Pension mit seiner Frau, alles wurde professioneller, mit einem Reitplatz am Wald und einer Reithalle. Schließlich, und dieser Teil ist der ausführlichste und wichtigste im Buch, die Entwicklungen der Reitsportszene, weg vom militärischen Reitstil und hin zum Miteinander mit den Pferden.

 

pferdia tv Übungen am Halsring mit dem Vollblüter Traminer. 

 

„Pferde – wie von Zauberhand bewegt“ liest sich so gut weg, wie sich ein lockeres Stück Kuchen vom Teller davon macht, und der Speisende sich gar nicht erklären kann, warum es schon fort ist. Das liegt auch an der verständlichen Sprache – Wolfgang Marlie hat es gemeinsam mit seiner Schülerin Ulrike Bergmann, einer Journalistin, verfasst. 

Das Buch ist perfekt für ein verregnetes Wochenende und der perfekte Begleiter vom Frühstücks- bis zum Nachttisch. Mein Exemplar habe ich für eine Wochenend-Reise eingepackt. Zwei Tage, und es war ausgelesen, hatte viele Ecken und Kanten vom Tragen im Koffer, in der Handtasche und vom Lesen an den unmöglichsten Orten. „Nur noch diese Seite, dann können wir los!“ hörten meine Begleiter häufig. Zurück blieb ich mit dem Gefühl: Du musst unbedingt zu Wolfgang Marlie reisen. Mit Pferd. Und diesen Menschen und den Hof kennenlernen.

Das Buch ist soeben im Kosmos Verlag erschienen. Es kostet 26,99 Euro. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung vom Kosmos Verlag entnommen aus „Pferde – wie von Zauberhand bewegt"

* = Diese Rezension ist mit Unterstützung des Kosmos Verlags entstanden.

 

Besser Reiten, FN-Verlag


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Wolfgang Marlie, Kosmos