Wie ein korrektes Vorwärts-Abwärts aussieht - Britta Schöffmann erklärt's

von Jeannette Aretz

Datum: 09.06.2017


pferdiathek SchöffmannAuch im Schritt ist hier die Dehnungsbereitschaft des Pferdes zu erkennen. Wichtig dabei: Die heranschließende Hinterhand. Fotos: Inge Vogel

 

Britta Schöffmann ist bei pferdia als Ausbilderin bekannt, der die klassische Lehre sehr am Herzen liegt. Ein großes Thema unter den lernenden Reitern ist das korrekte Vorwärts-Abwärts. Eine Sache, bei der es jede Menge Missverständnisse und Interpretationen gibt, die mit einer korrekten Dehnung in die Tiefe wenig zu tun haben. 

 

Dabei sind die Kriterien für ein gelungenes Vorwärts-Abwärts gar nicht so schwammig, wie man angesichts der Vielfalt an Interpretationen vermuten könnte. Das weiß Britta Schöffman prima zu erklären. Welche Fehler es häufig zu sehen gibt, dazu später mehr. Zunächst erklärt die Dressurausbilderin, welche Kennzeichen ein Vorwärts-Abwärts, das man als solches auch bezeichnen kann, haben sollte. 

 

pferdiathek SchöffmannSo soll es aussehen: Das Pferd im Gleichgewicht (daher die Skizze der Waage), ein Spannungsbogen und Aufwölben der Oberlinie ist zu erkennen, der Winkel zwischen Ganasche und Unterhals wird größer. Idealerweise sollte das Pferd noch ein wenig mehr die Nase vor nehmen, und so die Zügel auch wieder spannen.
pferdiathek SchöffmannDie natürliche Dehnungsbereitschaft des Pferdes ist auch hier, nur auf Halsring, deutlich zu erkennen. Eine korrekte Dehnungshaltung ist das aber nicht, es fehlt der Kontakt zur Reiterhand. Ob die Oberlinie aufgespannt ist und die Hinterhand gut mittritt, ist aus dieser Perspektive nicht gut erkennbar.

 

 

Daran erkennt man ein gutes Vorwärts-Abwärts

Es gibt markante Kriterien, die diesen Bewegungsablauf kennzeichnen. Das sind: 

 

  1. Eine leicht aufgewölbte Oberlinie.
  2. Das heranschließende Hinterbein. Meint: Das stützende Hinterbein sollte nicht allzu weit vom Hüftlot entfernt sein.
  3. Der Reiter fühlt einen leichten Zug ins Gebiss, „Wobei das vom Gefühl her eher ein Reinfedern ist, als ein Zug“
  4. Ein Vorwärts-Abwärts entsteht immer in der Vorwärtsbewegung. Ein Vorwärts-Abwärts im Stand gibt es nicht. Aber Achtung: Das Vorwärts im Namen beschreibt die Tendenz der Stirnlinie des Pferdes. Durch die Öffnung des Winkels zwischen Unterhalslinie und Ganasche strebt diese nach vorn.
  5. Das Pferd ist im Gleichgewicht und in Selbsthaltung, der Reiter gibt nur mit leichter Hand und leichtem Nachtreiben den Rahmen vor.

 

pferdiathekUta Gräf zeigt hier mit einem jungen Pferd eine schöne Dehnungshaltung. Lehrbuchreif ist ihr Vorwärts-Abwärts in diesem Film hier: Besser geht's kaum

 

Warum ist das Vorwärts-Abwärts so elementar wichtig in der Dressurausbildung? „Korrekte Vorwärts-Abwärts-Arbeit unterstützt und erhält die Dehnungsbereitschaft und stabilisiert den Rücken und die Oberlinie!“, erklärt Britta Schöffmann. Doch damit es dazu kommt, dass die Übung gesundheitsförderlich wirkt, ist eine korrekte Ausführung wichtig.

 

Voraussetzungen 

Damit Reiter und Pferd dahin kommen, eine ordentliche Dehnungshaltung und damit ein gutes Vorwärts-Abwärts zu zeigen, ist Losgelassenheit absolut notwendig. Ein aufgeregtes Pferd oder ein verspanntes Pferd wird seinen Hals nicht vertrauensvoll nach vorwärts-abwärts fallen lassen, „sondern sich durch Anheben des Halses einen Überblick über die Umgebung verschaffen wollen.“ Psychische und physische Losgelassenheit sind daher unverzichtbar. Ein zweiter wichtiger Punkt ist das Gleichgewicht. Das Pferd muss sich selbst tragen können und seinen Körper so ausbalancieren können, dass es sich im Gleichgewicht bewegt.

 

pferdiathekDressurausbilderin Dr. Britta Schöffmann.

 

Typische Fehler

Was alles als Vorwärts-Abwärts bezeichnet wird, ist kaum zu zählen. Sobald das Pferd den Kopf-/Halsbereich senkt, sprechen Reiter gern davon. Wer den Begriff googelt, findet „mehr als 200.000 Suchergebnisse zum Thema!“ erzählte Britta Schöffmann zum Beispiel in einem Webinar zum Thema für den Buchverlag Kosmos, in dem sie Videosequenzen aus der pferdiathek zeigte. Viele der dazugehörigen Abbildungen passen nicht zum Begriff. Markante Fehler sind zum Beispiel: 

 

  1. Die Oberlinie ist nicht aufgewölbt, sondern gerade.
  2. Das Pferd geht deutlich hinter der Senkrechten
  3. Die Hinterhand schließt nicht an, das Pferd schiebt nach hinten heraus bzw. bewegt seine Hinterbeine nicht genügend unter den Schwerpunkt.  
  4. Das Pferd läuft auf der Vorhand, es bewegt sich sichtlich bergab.

 

Wie viel Abwärts ist gut?

Wie tief die Kopf-Halsposition gehen darf, ist abhängig vom Pferdetyp. Der vielzitierte Richtwert ist das Buggelenk – auf dieser Höhe soll bzw. kann die Nase des Pferdes sich befinden. Doch ab Buggelenkshöhe fängt die Dehnungshaltung eigentlich erst an, sagt Britta Schöffmann. Es sei jedoch nicht möglich, hier ein Schema zu nennen. Wie tief Kopf und Hals im Vorwärts-Abwärts kommen sollen, ist vollkommen abhängig vom Pferdetyp. „Pferde, die Problematiken wie einen Senkrücken haben, würde ich nicht ganz so tief lassen“, erklärt die Ausbilderin. Hat man jedoch ein Pferd vor sich, das zum Beispiel einen hoch angesetzten Hals hat und in sich sehr stabil ist „dann kann es sinnvoll sein, die Dehnungshaltung tiefer als bis zum Buggelenk zuzulassen! Wichtig ist: Das Gleichgewicht darf nicht verloren gehen. “  

 

pferdiathek Pferde wie Clärchen, deren Gebäude es schwerer macht, die Oberlinie zu runden, müssen besonders sorgfältig gearbeitet werden. Die Stute und ihre Fortschritte sind in dieser Ausbildungsserie zu beobachten

 

Dehnungsbereitschaft ist das Wichtigste

Das Kernelement am Vorwärts-Abwärts sind die Dehnungsbereitschaft und die Dehnungshaltung. Genau von dieser sollte man korrekterweise sprechen, der Dehnungshaltung und der Dehnungsbereitschaft, statt dem Vorwärts-Abwärts. Britta Schöffmanns Definition davon ist folgende:

 

 „Dehnungsbereitschaft ist das Bestreben des Pferdes, seinen Hals in der Vorwärtsbewegung

– an der Longe oder unter dem Reiter–

fallen zu lassen und sich mit leicht nach oben gewölbter Oberlinie

tendenziell vorwärts-abwärts ans Gebiss/ die Zügel zu dehnen.“ 

 

Weshalb das so wichtig ist, erklärt sich, wenn man betrachtet, was im Pferd passiert, wenn es sich dehnt: Das Nacken-Rückenband, das vom Hinterhauptsansatz bis zur Schweifrübe reicht, verbindet die Wirbelfortsätze. Kommt darauf durch Absenken des Kopfes Zug, dann fächert diese Dehnungsbewegung die Dornfortsätze vor allem im Bereich des Widerrists minimal nach vorn und richtet diese etwas auf. Genau diese Veränderung hilft dem Pferd, das Reitergewicht besser zu tragen. 

 

Wenn es nicht klappt

Wenn der Reiter initiiert, dass das Pferd sich abstreckt, und dabei fleißig mit dem Hinterbein vorfußt, sollte im Idealfall das Pferd der nachgebenden Hand und dem unterstützenden Schenkel folgen. Was aber tun, wenn das Pferd sich nicht konstant dehnt, sondern diese Haltung auch immer wieder verlässt und sich heraushebt?  

 

Es gibt keine Hilfe namens ‚Runterfummeln’

Auf keinen Fall mit der Hand fummeln, sagt Britta Schöffmann, und findet dafür auch deutliche Worte: „Es gibt keine Hilfe, die Runterfummeln heißt!“ Das Pferd zeige so nur an, dass in der Vorbereitung oder generell im Ausbildungsstand noch etwas nicht richtig funktioniere. Der Reiter soll darüber hinwegreiten und es einfach immer wieder anbieten. Eine kluge Übungsabfolge arbeitet ihm da zu: Übergänge, vor allem auch Trab-Galopp-Übergänge, schaffen gute Voraussetzungen, damit das Pferd dehnungsbereit wird. „Der Wechsel von ein bisschen mehr Last aufnehmen und ein bisschen mehr an die Hand herandehnen verbessert die Dehnungsbereitschaft“, erklärt die Ausbilderin. „Auch gute Biegearbeit fördert die Dehnungsbereitschaft.“ Die anfangs wenigen guten Momente, in denen das Pferd eine ideale Dehnungshaltung zeigt und der Rücken schwingt, würden im Laufe der Ausbildung immer mehr, und irgendwann wäre die Konstanz auch da. Generell träfe dieser Merksatz zu, so Britta Schöffmann: 

 

„Die Bereitschaft des Pferdes, sich vorwärts-abwärts zu dehnen, ist keine feste Größe, sondern ein sehr empfindliches Konstrukt. Falsche Einwirkung (und unpassende Ausrüstung jeglicher Art) kann sie empfindlich stören wenn nicht sogar unmöglich machen – auf Kosten eines gesunden Pferderückens.“ 

 

Kann Dehnungshaltung schaden?

Im klassisch-barocken und portugiesischen Bereich wird in letzter Zeit häufiger diskutiert, ob die Dehnungshaltung generell eher schädlich als nützlich ist. Für Britta Schöffmann ist das absolut nicht nachvollziehbar. „Für mich gibt die Biomechanik des Pferdes den Sinn von Vorwärts-Abwärts vor“. Schaden kann sie jedoch, „wenn sie zum Selbstzweck erhoben wird!“, erklärt die Ausbilderin. Eine Stunde lang nur in Richtung Vorwärts-Abwärts zu arbeiten, das wäre eine falsch verstandene Idee. „Es darf nicht Lösen bis zur Selbstauflösung sein! Bauchmuskulatur und Oberlinie müssen arbeiten dürfen. Vorwärts-Abwärts ist ein Puzzleteil auf dem Weg zu Vorwärts-Aufwärts!“ Richtig sei, immer wieder Sequenzen einzubauen – und zwar sowohl in der Lösungsphase, als auch in der Arbeitsphase. 

 

 

Noch mehr Infos über Britta Schöffmann sind hier zu finden. Im Magazin haben wir hier und hier zum Beispiel über sie erzählt. Witzige Anekdoten statt Lehrreiches ist jedoch eher hier zu finden. Und auch aus der Reihe Reiten gut erklärt, findet ihr hier und hier sehr gute Videos zum Thema Dehnungshaltung. Das Webinar von Kosmos kann hier gebucht werden. 

 

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