[A life with horses]

Eine Pferdezucht mit ganz viel Farbe

von Jeannette Aretz

Datum: 19.06.2016


a life with horsesDie schwedische Warmblutstute Rivière d'Or, eine Braunisabelle von Rausing x Briar, mit ihrem Florenciano-Stutfohlen. 

  

Ich mach’ kein Geheimnis daraus: ich liebe die Pferdezucht. Ich habe zwei Mal ein Fohlen selbst gezogen (was nach den Gesetzen der Szene nicht reicht, um sich Züchter zu nennen), ich könnte stundenlang Abstammungen wälzen (manchmal mündet es in einem Artikel oder einem Teil eines Buchs), ich habe viele Tage meiner Kinder- und Jugendzeit auf einem Ponygestüt verbracht (junge Ponies angeritten, Fohlen das Hufegeben beigebracht, im Stall geschlafen). 

 

In meinem Leben soll es mal meine eigene Zucht geben. Gut vorbereitet, gut ausgesucht. Klein und fein. Nicht schon morgen. Ich weiß, das ist dennoch verrückt, wo doch überall etablierte Züchter reduzieren. Macht nichts. Verrückt kann ich gut.

 

Wann immer es geht, besuche ich Züchter. Ich will etwas aufsaugen davon, was ihre Idee, ihre Philosophie ist, will vom Gucken und Erzählen lernen. Von den alten Hasen. Außerdem finde ich Reiter spannend, die einfach dieses Virus gepackt hat und die sich trotz aller Umstände entscheiden: ich mach’ das jetzt. Ich baue mir eine Zucht auf. Marion Creyaufmüller ist jemand, der schon hunderte Schritte weiter diesen Weg gegangen ist als ich. Sie ist Dressurreiterin und Warmblutzüchterin mit handverlesenen Stuten, zwei davon in Sonderfarbe. Sie züchtet in Süddeutschland, und als ich im Frühjahr zu meiner Pferde-Recherchereise nach München aufbrach, war schnell klar: da müssen wir einen Zwischenstopp machen! 

 

Ein ziemlich nasser Tag im Mai. Wir sind auf dem Ferstlhof angekommen. Wir, das sind die Fotografin Sabine Grosser und ich. Spezialisiert ist der Hof auf die Pension von Zuchstuten und Aufzuchtpferden. Abfohlboxen mit Paddock gibt es hier, und große Offenställe für die Mutterstuten mit den schon stabileren Fohlen. Soweit das Auge reicht, sind Weiden zu sehen, dabei liegt der Stall nur wenige Minuten vor München. 

 

Vollblut bringt die Farbe 

Hier stehen die Stuten von Marion Creyaufmüller. Über die eine von ihnen, eine palominofarbene Halbblutstute, bin ich auf sie aufmerksam geworden. Ich entdeckte die Stute irgendwann im Netz und war begeistert. Denn: Farbzucht im Warmblutbereich ist nicht ganz unumstritten, oft wird da Farbe vor Qualität gehandelt und die Abstammungen sind hinten heraus lückenhaft oder von diversen Fremdrassen geprägt. Dies ist hier aber anders. Ihre Palominostute namens Alizée hat die Farbe von ihrem Vater, einem Vollblüter namens The Alchimist xx. Der Mutterstamm ist von Dressurblut geprägt, ihr Pedigree geht weiter mit Damon Hill x Argwohn I. Also: Eindeutig warmbluttypisch gezogen, nur eben in besonderer Farbe.

 

Wir gehen durch den Offenstall, hinaus zu den Weiden, die Stutenherde ist klitzeklein weit hinten auszumachen. Marion Creyaufmüller zeigt auf die Stuten: Da vorn ist Alizée, daneben ihr Fohlen von Rock Forever, etwas weiter weg steht ihre schwedische Zuchtstute, eine Braunisabelle, auch Buckskin genannt. Weich wie Waldboden fühlt sich der dunkle Moorboden hier unter den Sohlen an. Die Grashalme sind knallgrün, Frühjahrsgras eben, sie streifen ihre Regentropfen an unseren Stiefeln ab. 

 

Wem die Welt gehört

Bei den Pferden angekommen, ist sofort klar, wer hier die Mutigste ist: Alizées Fohlen, genannt Rosie, mit vollem Namen Rosée du Matin, möchte gern von jedem gekrault werden. „Mir gehört die Welt“ sagt ihr Ausdruck, aber nicht frech, sondern gepaart mit ganz viel Charme. Fleur, ein braunes Florencio-Stutfohlen der Schwedin, schaut derweil erst mal aus der Sicherheit neben der Mutterstute zu uns Fremden hin und pirscht sich dann ganz vorsichtig an. Ein höfliches Wesen – und ein Pferd, das im zweiten Augenblick wirkt, wenn sie mit einer beeindruckenden Taktsicherheit über die Weide trabt, und sich ohne irgendein bisschen Balance oder Takt zu verlieren, in die Schleuse zum Offenstall einsortiert. Während meine Hände bei diesem Termin völlig im Fohlenfell versinken, erzählt Marion Creyaufmüller mir, was ihr beim Züchten wichtig ist. 

 

a life with horsesHalbblutstute Alizée von The Alchimist xx mit ihrem Stutfohlen Rosée du Matin von Rock Forever. Fotos: Sabine Grosser

 

 

  1. Regel: An die Amateure denken

„Klar möchte jeder Züchter sein Pferd am liebsten später in der Klasse S oder höher sehen“, sagt Marion Creyaufmüller. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Fohlen an einen Amateur im A, L oder M Bereich verkaufe, ist viel höher. Ich möchte nicht an diesen Menschen vorbeizüchten. Meine Pferde sollen eine hohe Qualität haben, aber von Amateuren zu bedienen sein.“ Also: auch mal einen Sprung machen können, ins Gelände gehen, und nicht so elektrisch sein, dass es größte Mühe macht, sie zu bedienen. Sie setzt Hengste ein, die sich im Sport bewährt haben und klar im Kopf sind. Rock Forever und Florenciano zum Beispiel.  Nur ganz selten nimmt sie einen Junghengst, und wenn, dann muss dieser einen überragenden Mutterstamm haben. 

 

  1. Regel: Jenseits der Verkaufsanzeigen suchen

Ihre private Zuchtgeschichte ist der typische Einstieg eines Reiters in das Metier: Ihr Pferd hatte eine Verletzung. Eine gute Stute, sporterfolgreich und ansonsten gesund. Drei Fohlen zog sie aus ihr, dann konnte sie das hervorragende Pferd einer Freundin als weitere Zuchtstute erwerben. „Ich hatte, wie so viele, immer schon den Traum, eines Tages zu züchten“, erklärt sie. Anfangs ergab es sich einfach. Dann entdeckte sie ihre Vorliebe für aufgehellte Farben und suchte gezielt nach einer solchen Stute. „Mein Ziel war es, eine Stute ohne Fremdblut zu finden." Das ist nämlich gar nicht so einfach. „Ich hatte die Idee, über das Vollblut die Farbe in die Warmblutzucht zu bekommen.“ In dieser Zeit wurde der Hengst The Alchimist xx als Jungpferd vom Gestüt Falkenhorst erworben, ein Cremello aus den USA. Sie beobachtete dessen Aufzucht aus der Ferne, wartete, bis er leistungsgeprüft war. Der Hengst deckte nur eine handvoll Stuten, bis er an einer Kolik verstarb. Aus seinem ersten und einzigen Jahrgang stöberte sie ein Stutfohlen des Hengstes auf, die Mutter war eine „wirklich ordentliche Stute von Damon Hill“, und es gelang ihr, dieses Fohlen zu erwerben. Alizée. 

 

  1. Regel: Kilometer sind völlig egal

Für dieses Fohlen von The Alchimist xx fuhr sie hunderte Kilometer durch Deutschland. Ein Klacks gegen den nächsten Kauf: Sie durchstöberte das europäische Ausland nach aufgehellten Pferden, und fand in Schweden einen aufgehellten im Grand-Prix-Sport erfolgreichen Hengst. Sie verfolgte dessen Linien weiter, und schälte so heraus, dass es in der schwedischen Warmblutzucht durchaus aufgehellte Pferde ohne Fremdblutanteile gibt. Bis ins 18. Jahrhundert hinein erforschte Marion Creyaufmüller die Abstammungen, um herauszufinden, woher die Aufhellung dieser schwedischen Warmblüter stammt, nämlich entweder durch Trakehner Einflüsse, oder durch Vollbluteinflüsse (beides gilt in der Warmblutzucht als Veredlerblut, und zählt daher nicht als Fremdblut). Bei ihren Recherchen entdeckte sie eine Züchterin, die eine aufgehellte Stute einsetzte, die zuvor bis M-Dressur erfolgreich war. Einer einzigen Tochter gab sie ihre Fellfarbe mit – Rivière d’Or, genannt Rindi, Tochter des Rock-Forever-Sohns Rausing. „Nur wollte die Züchterin gerade dieses Stutfohlen nicht abgeben. Aber nicht etwa wegen der Farbe – die war für sie zufällig so und gar nicht so wichtig. Sie mochte sie sehr, weil sie ihrer Mutter so ähnlich war.“ Die beiden blieben im Kontakt, und als im nächsten Jahr ein weiteres gutes Fohlen der Stute geboren war, durfte Rindi als Jährling die weite Reise von Schweden nach Deutschland antreten. Diese Stute, heute vierjährig, führt nun ihr erstes Fohlen. Anhand des braunen Stutfohlens – das höfliche Fohlen mit der auffälligen Taktsicherheit – und ihrer braunisabellen Spielgefährtin ist im Kleinen gut sichtbar, wie die Regeln der Genetik beim Farbzüchter zuschlagen. Zwei aufgehellte Mutterstuten, angepaart mit zwei nicht aufgehellten Hengsten: die Chancen stehen 50:50, dass das Fohlen die Farbe der Mutter erwirbt. Durch Zufall ist dieser Jahrgang genau so gesplittet. 

 

  1. Regel: Das perfekte Umfeld

„Ich hatte immer den Traum von einem eigenen Hof. Realisiert habe ich es nie, und heute bin ich darüber gar nicht so unglücklich“ erzählt die Züchterin. Ihre Stuten sind auf dem Ferstlhof eingestallt. „Das ist ideal, das Gestüt wird von einem auf Pferde spezialisiertem Tierarzt und einer Pferdewirtschaftsmeisterin geleitet, ich kann sicher sein, dass die Pferde bestens betreut sind.“ Nachtwachen und 15 Fußkilometer pro Tag, bloß, um alle Pferde zu versorgen, bleiben der einstallenden Züchterin so erspart. Ute Donandt heißt die Pferdewirtschaftsmeisterin, die den Hof mit ihrem Mann betreibt. Ihr Konzept war es, „einen Ort für die Pferde zu schaffen, nicht für die Menschen, und den Pferden jeden Wunsch von den Augen abzulesen“. So haben die Abfohlboxen Paddocks davor, und zur Stallgasse hin gibt es nicht einfach eine Holzwand, sondern die Gitter reichen bis zum Boden. „Damit die Fohlen von Anfang an da durch schauen können und sich nicht nach oben recken müssen, damit sie etwas sehen können.“ Es gibt Heu rund um die Uhr, alle Boxen sind videoüberwacht, und jedes Pferd kommt täglich heraus, „auch bei Regen und Matschwetter, nur nicht, wenn es mal Glatteis gibt“. Vom Abfohlstall in den ersten Tagen geht es für Mutter und Kind in die Herde auf riesige Flächen. „Wir beobachten die Gruppen ganz genau, und schauen, in welcher Konstellation sie am ruhigsten sind und was sie lieben. Sich den Rücken vom Regen massieren zu lassen, das lieben die meisten Pferde zum Beispiel viel mehr, als hereingeholt zu werden oder eine Decke zu tragen!“

 

  1. Regel: Den Ritterschlag erkennen

Letztens begutachtete ein wichtiger Würdenträger des Verbandes das Stutfohlen von Alizée. Er kommentierte, sinngemäß: „Ein ganz gelungenes Fohlen, die Optik, der Typ, die Bewegung! Nun gut, die Farbe ist gewöhnungsbedürftig, aber ansonsten ist sie gelungen!“ Ein Ritterschlag – den ein Farbzüchter erst mal als solchen erkennen muss. Dass die Farbe durchweg noch nicht richtig akzeptiert wird, das „wird sich erst ändern, wenn Pferde dieser Farbe im Sport auftauchen und sich bewähren“, sagt die Züchterin. „Ich habe mich über diesen Kommentar gefreut“, sagt Marion Creyaufmüller. „Wichtig ist, dass die Qualität stimmt. Ansonsten finde ich: Was für ihn gewöhnungsbedürftig ist, ist für mich eben das Sahnehäubchen!“

 

P.S.: Viele schöne Fohlenbilder gibt's zu dem Thema auf dem Blog. 

 

 

 

*************

Am Wochenende gibt's im pferdiathek-Magazin immer einen Artikel aus dem Blog www.alifewithhorses.de. Zur Einstimmung ins Wochenende spreche ich, Jeannette, hier oft über Motivation & Gedanken zum Reiten und erzähle, was ich so mache, wenn ich gerade nicht am Laptop sitze und über berühmte Pferde und Menschen schreibe.

Ein entspanntes, wunderbares Wochenende wünscht das gesamte pferdia tv-Team! Tipp: Unsere Filme schauen sich besonders gut mit viel Muße am Wochenende. Haben wir mehrfach getestet und für hervorragend befunden!

 

Arbeit an der Hand, FN-Verlag


Passend zum Thema

...

Cor de la Bryère – Ein Jahrhundertvererber in Holstein

Jan Tönjes

Der großen Beschälerpersönlichkeit wurde hier ein Denkmal gesetzt. Cor de la Bryère hat wie kein Zweiter das Bild des Holsteiner Pferdes geprägt und ist Begründer einer eigenen Hengstlinie. Der Film dokumentiert die Geschichte dieses besonderen Pferdes.

Dauer: 40:42 Minuten

Hier geht es zum Video

...

Pferdekenner

Hans Joachim Köhler

Hans Joachim Köhler (1917-1997) war einer der großen Hippologen. In seiner ganz eigenen Art nimmt er kein Blatt vor den Mund. Sein Film hilft dabei die Wesentlichkeiten der Pferdebeurteilung zu erkennen und Fehlerguckerei zu den Akten zu legen. Das gilt heute noch genau wie damals.

Dauer: 42:21 Minuten

Hier geht es zum Video

...

Donnerhall - ein Denkmal ganz privat

Jan Tönjes

Bereits zu Lebenszeiten war Donnerhall eine Legende. Dieser Film aus dem Jahr 1996 begleitet den weltberühmten Zuchthengst und Dressurstar in seinem Alltag. Zeitzeugen und Archivaufnahmen liefern besondere Hintergrundinformationen und ermöglichen einen Blick in das "Privatleben" des Hengstes.

Dauer: 53:23 Minuten

Hier geht es zum Video

...

Pferdezucht Teil 1: Trächtigkeit & Geburtsvorbereitung

Ein gesundes, gut gebautes und hübsches Fohlen, das fröhlich auf der Wiese tobt – das lässt ein Züchterherz höher schlagen. Damit dieses Bild Wirklichkeit wird, gilt es vor und nach der Geburt auf viele wichtige Dinge zu achten. Dieses Video widmet sich der Trächtigkeit und Geburtsvorbereitung.

Dauer: 15:44 Minuten

Hier geht es zum Video

...

Pferdezucht Teil 2: Fohlenbeurteilung, Bewegung & Fütterung

Ist die Geburt überstanden, möchte man das Fohlen in seiner Entwicklung bestmöglich unterstützen. Es gibt viel zu beachten: genügend Bewegung, Fütterung und Impfung sind nur einige der Faktoren, auf die es in den ersten Monaten besonders ankommt. Was der Züchter wissen und beachten muss demonstriert dieses Video.

Dauer: 19:56 Minuten

Hier geht es zum Video

...

Pferdezucht Teil 3: Hufkorrektur, Absetzen & Aufzucht

Die Grundlagen leistungsfähiger Pferdebeine werden im Fohlenalter gelegt. Fehlstellungen zu korrigieren ist wichtig, damit sich das Pferd gerade entwickeln kann. Dieses Video zeigt eine beispielhafte Hufbehandlung eines Fohlens, und erklärt, wie das Absetzen von der Stute und die anschließende Aufzucht bestmöglich gelingen.

Dauer: 12:56 Minuten

Hier geht es zum Video



zurück zur Übersicht

Videotipps

...

Das Korrekturpferd Flamingo Teil 5

Anja Beran

Dieses Video zeigt eine Trainingseinheit mit Flamingo knapp vier Jahre nachdem der ehemalige Korrekturfall zu Anja Beran kam. Mit Leichtigkeit und Eleganz demonstriert der Wallach Seitengänge und Passage-Piaffe Übergänge. Auch seine Problemgangart Galopp ist nun gesetzter und es kann an halben Pirouetten und fliegenden Wechseln gearbeitet werden.

Dauer: 07:00 Minuten

Hier geht es zum Video

...

Der Grönwohldhof - Mekka der Dressur

Jan Tönjes

Herbert Rehbein, Karin Rehbein und Donnerhall, das sind die Namen, die den Gröhnwohldhof berühmt gemacht und bis heute nichts von ihrem Klang verloren haben. Züchterisch wie sportlich spielte dieses Paradies für Reiter und Pferde über Jahrzehnte international eine erste Geige. 1998, auf dem Höhepunkt der Erfolge, wurde dem Mekka der Pferdewelt filmisch ein Denkmal gesetzt.

Dauer: 46:55 Minuten

Hier geht es zum Video

...

Das junge Pferd auf der Hangbahn: Losgelassenheit & Dehnungshaltung erarbeiten

Kurd Albrecht von Ziegner

Die Arbeit auf der Hangbahn trägt maßgeblich dazu bei, die Losgelassenheit des jungen Pferdes zu entwickeln. Vor allem das wiederholte Bergaufreiten fördert eine korrekte Dehnungshaltung. Kurd Albrecht von Ziegner erklärt in diesem Video worauf beim ersten Training zu achten ist.

Dauer: 10:05 Minuten

Hier geht es zum Video

PM der Deutschen Reiterlichen Vereinigung

Pferdebild