[Persönlichkeit]

Dreh bei Alizée Froment

von Jeannette Aretz

Datum: 13.06.2016


pferdia tv Alizée Froment daheim beim Training auf ihrem Spitzenpferd Mistral. Alle Fotos: Inge Vogel  

 

Der Film ist da! Ab heute wird er verschickt. Schöne Neuigkeiten, oder? Doch bis 69 Minuten Film fertig sind, haben wir im Hintergrund eine Menge vorbereitet.  Ein kleiner Einblick von den Dreharbeiten bei Alizée Froment bis zum fertigen Film.

 

 

Wir haben Filmschnipsel von Deutschland nach Frankreich hin- und hergeschickt, Alizées Anmerkungen eingearbeitet, die Übersetzerin hat am Text gefeilt, das Cover haben wir so lange umgearbeitet, bis es für uns perfekt war und schließlich kam der Profi-Sprecher ins Filmstudio, um dem finalen Film seine Stimme auf Englisch und auf Deutsch zu leihen. Viele Menschen und viele Tage (erfüllender!) Arbeit stecken darin. 

 

Camarguepferde und Stiere in der Nachbarschaft

Angefangen hat alles mit unserem Dreh bei Alizée Froment. Im vergangenen Spätsommer haben wir uns auf den Weg zu ihr gemacht. Im flaschengrünen Jeep sitzen vorn Thomas Vogel, Kamera, und Inge Vogel, Produktionsleitung. Hinten auf der Rückbank sind bei diesem Dreh noch ich, Jeannette, Magazin, und Bobby, der Hund (zuständig für die Laune), dabei. Im Kofferraum liegen etliche Kamerataschen und Koffer. Der Jeep saust über Autobahnen und Landstraßen, bis wir irgendwann in Südfrankreich ankommen. Graue Steinhäusern stehen dicht an dicht an schmalen Gassen. Es sind Ortschaften, in denen zu einem ordentlichen Dorffest noch Stiere und Camarguepferde gehören.

 

pferdia tv Auf zum Reitplatz. Erster Drehtag, Mistral auf gebissloser Zäumung. Thomas Vogel schleppt die Ausrüstung, Alizées Freundin fotografiert.

 

pferdia tv Anbinden nicht nötig: Ein genießerischer Sultan nach der Arbeit.

 

Der Stall von Alizée Froment liegt sehr idyllisch: hinter dem Haus ihrer Großmutter, Felder und Weinstöcke grenzen daran. Es gibt Holzboxen für die Hengste und Paddocks und Offenställe für die Ponies ihrer Mutter. 

 

Freiarbeit & Dressur

Wir beginnen früh morgens zu drehen. Als erstes zeigt sie uns zuerst ihren Youngster, Aslan, den sie angeritten hat. Dann Sultan, den Schimmel, gezäumt auf Trense. Wir lernen ihr neues Pony kennen, Sparrow, er ist erst ein paar Monate bei ihr und hat schon ein immenses Repertoire an Freiarbeits-Lektionen auf Lager. 

 

 

 pferdia tv Mit Youngster Aslan. Eindrücke zu seiner Trainingseinheit sind schon in der pferdiathek zum Anschauen!

 

Nach diesen drei Einheiten brennt die Sonne schon ganz schön herunter. Das weiche Morgenlicht ist weg, wer kann, flüchtet unter einen Sonnenschirm. Wir machen eine Pause unter Olivenbäumen, Alizées Mutter serviert auf rotkarierten Tischtüchern Couscous-Salat, herrlichen Käse, Baguette, Roséwein. Ja, tatsächlich, Frankreich so wie es einer Reiseführer-Romantik entspricht. Ihr Bruder, ihr Vater, die zwei Pflegerinnen sitzen mit am Tisch. Alizées Sheltie Youpla liegt abwechselnd im Schatten oder spielt mit unserem Bobby. Eine seltene Idylle, dass alle so beisammen sitzen. Drei, maximal vier Tage ist Alizée Froment daheim, ansonsten jettet sie um die Welt, gibt Shows oder Reitkurse.

 

pferdia tv Blick in ihr Heimatdorf in Südfrankreich.
pferdia tv Sultan, Lusitano, ist der Sohn von Mistral.

 

 

Im Nachmittag ist dann Mistral das erste Mal vor der Kamera, geritten auf einer gebisslosen Zäumung. Der dunkle Lusitanohengst ist schon fast ein richtiger Schoolmaster. Er ist das Showpferd, mit dem sie bekannt wurde. Außerdem hat sie ihn vier Jahre lang im Grand-Prix-Sport international vorgestellt. 

 

pferdia tv Schattensuche, es ist richtig heiß hier nachmittags. Alle Fotos: Inge Vogel 

Danach suchte sie neue Herausforderungen, und baute immer mehr Ausrüstung ab: erst ritt sie ihn ohne Sattel, dann ohne Gebiss, schließlich nur auf Halsring. Ihr youtube-Video, das sie in Grand-Prix-Lektionen auf Halsring zeigte, ging 2014 viral, es wurde im Internet von Reitern aus aller Welt herumgereicht. So etwas hatte die Reiterwelt noch nicht gesehen hatte. Eine internationale Turnierreiterin nimmt die Kandare ab und reitet Grand-Prix-Lektionen auf dem nackten Pferd! 

 

pferdia tv  "Sultan hat sich so verbessert seit den Dreharbeiten!" erzählte Alizée, nachdem sie den fertigen Film gesehen hatte. Nicht schlimm: so sieht man im Film, wie an Schwierigkeiten gefeilt wird. Bei Sultan ist das zum Beispiel, dass er sich gern zu eng macht - auch schon mal auf Halsring. Erste Schritte auf dem Halsring sieht man hier in der pferdiathek 

 

Tatsächlich hatte sie bei diesem Ritt zum ersten Mal nur den Halsring drauf  (und sie sieht selbst noch das Schmunzeln, wenn sie diesen Ritt ansieht, weil sie sich da nämlich selbst noch nicht sicher war, ob die Galopp-Pirouetten so funktionieren).

 

pferdia tv Kennzeichen Blumen in den Haaren - in allen Versionen.
pferdia tv Alizée Froment, Dressurausbilderin.

 

 

Ehrlich vor den Schenkel

Die Grundlage für die Arbeit mit dem Halsring liegt in der gründlichen Vorbereitung. Alle Pferde werden anfangs und immer wieder zwischendurch auch auf Gebiss und auf der gebisslosen Zäumung geritten. Jedes Pferd erlernt als erstes, auf Halsring anzuhalten, sich mit dem Halsring zu stellen und zu biegen. Dabei ist der Zaum ist zur Sicherheit noch drauf. Wichtiger ist etwas anderes: „Der Kontakt zum Pferd muss allein über den Sitz und den Rücken funktionieren, vorher darf man nicht einmal daran denken, das Kopfstück abzunehmen!“ erklärt sie, „es muss möglich sein, das Pferd allein über den Sitz wieder in Balance zu bringen, in jeder Situation.“

Sie achtet sie extrem konsequent darauf, die Pferde ehrlich vor den Schenkel zu bekommen und tatsächlich am äußeren Zügel zu führen. Schenkelweichen in jeder Gangart, Schultervor und Schulterherein, zahlreiche Übergänge. „Micro-Transitions“ nennt sie diese, wenn das Pferd zum Beispiel nur gerade soeben im Schritt ist, und wieder antraben soll, und nach ein paar Tritten eben wieder der Übergang zum Schritt kommt. Die lösende Arbeit ist sehr wichtig für sie, und um diese korrekt zu reiten, bevorzugt sie eine gebisslose Zäumung statt nur den Halsring.

 

Aus dem Familienalbum

Später, im Haus der Familie mitten im Dorf, zeigt Mutter Carol Bilder aus dem Familienalbum: Alizée als mutiges Reiterkind, wie sie schon als kleines Mädchen über feste Hindernisse springt. Bilder ihres Bruders aus aktuellen Springprüfungen. Er ist als Springreiter unterwegs, genauso wie Alizée Froment das bis zu ihrem 18. Lebensjahr machte. 

Die Mutter, sie hatte eine Ferien-Reitschule, bildete beide Kinder aus. Alizée Froments höhere Dressurausbildung erhielt sie von Philippe Limousin, Ausbilder in der französischen Hofreitschule Cadre Noir, und von Hubert Perring, Teilnehmer der Olympischen Spiele in Hongkong.

 

pferdia tv Wichtig: Der Halsring wird fein geführt - Ziehen gibt's nicht!

 

Der Vertrag kommt auf den Küchentisch, Mutter und Tochter legen die Seiten beisammen, um sie später zu prüfen. Es ist der Vertrag, dessen Ergebnis nun die DVD ist, die heute erscheint. Die Mutter holt Plakate einer aktuellen Show, verteilt sie stolz. Alizée ist als Prinzessin darauf zu sehen, im weißen Kleid, Mistral trägt keinen Zaum. Die idyllische kleine Welt daheim und die große Bühne Europa – auf einmal rücken sie ganz nah zusammen. 

 

pferdia tv Die schönen Seiten des Spätsommers: Ein Schwarm zieht über den Reitplatz. Alle Fotos: Inge Vogel

 

Zack, und nichts geht mehr

Es gibt allerdings eine Situation, über die es keine einzige Notiz gibt. Am zweiten Tag unseres Drehs reitet Alizée Froment ihren Mistral nur auf Halsring. Thomas Vogel steht an der langen Seite des Platzes und filmt. Inge Vogel geht außerhalb des Vierecks entlang, um die beste Perspektive für Fotos zu finden. Ich sitze in einer Ecke und habe Notizbuch und Stift in der Hand. Ich kann kein Wort aufschreiben. Ich habe das auf Videos gesehen, was sie da tut. Aber diese beiden ein paar Meter vor meiner Nase ohne Zaum zu sehen, in herrlichen Galopp-Pirouetten, Traversalen, im Zulegen und wieder zurückkommen – es packt mich so, dass ich keinen einzigen Satz auf Papier bringe. Ich bin erstarrt und kann nicht fassen, dass es so etwas gibt. Es gibt viele Menschen, die ihr Pferd harmonisch nur auf Halsring reiten. Aber in dieser Art und Weise, dass es rund bleibt, über den Rücken, beisammen, absolut am Sitz, auf jede Kleinigkeit der Reiterin wartend und sofort diese Information umsetzend –  das ist neu. Umwerfend. Überwältigend. Ich habe es inzwischen mehrfach gesehen. Und jedes Mal von neuem ist es einfach unglaublich, und meine Eigenschaften als kritischer Beobachter sind zack, weggewischt. 

Wie nennt man so etwas? Magie vielleicht?

 

 

 

Pferde versammeln vom Boden aus, FN-Verlag


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Pferdebild